Passauer Neue Presse - Lachdichter
Drei Mal noch schlafen, dann erfahren wir, wie gut Fernsehen sein könnte. Wenn . . . ja wenn nur ein paar Leute mit Mut in den Chefetagen der Sender säßen. Redakteure, die wissen, was es heißt, kreativ zu arbeiten. Produzenten, die neben der Einschaltquote ein bisschen an Inhalt, an Abenteuer, womöglich an geistigem Niveau interessiert sind. Wer das für elitäre Schwarzmalerei vom hohen Ross herab hält, soll sich versuchsweise eine Frage stellen: Angenommen, die heute längst in den Olymp erhobene Komiker-Truppe Monty Python wäre nicht in England, sondern in - sagen wir - Burghausen gegründet worden. Hätte sie mit ihrem absurden, schwarzen und oft bewusst pointenlosen Humor auch nur eine einzige Sendung im Bayerischen Fernsehen bekommen?
Lacher pro Minute
= Lachdichte
Das Problem ist: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und ebenso wie er sich an ein hohes Niveau und an experimentelle Freiheit im TV gewöhnen könnte, so passt er sich auch der Einfalt an. So lange, bis ihn alles andere so irritiert, dass er sofort umschaltet. Die Angst davor bekommt auch der Passauer Kabarettist Sigi Zimmerschied zu spüren. Am Dienstag stellt er in München sein neues Programm „Lachdichter“ vor - mit Texten aus seinen gesammelten Fernseh-Manuskripten, die alle abgelehnt wurden. Am 11. März liest Zimmerschied in der Passauer Redoute, vom 27. bis 29. Mai und vom 22. bis 24. Juli im Scharfrichterhaus (Karten: 0851/35900). Die PNP sprach mit ihm über Mögliches und Verbotenes im deutschen Fernsehen.
Herr Zimmerschied, was ist das eigentlich, eine „Lachdichte“?
Zimmerschied: Das ist der Quotient Lacher pro Minute - der drückt aus, wie viele Pointen zu einem direkten, messbaren, oszillografisch fassbaren Lacher werden. Die Redakteure sagen dir dann, dass die Lachdichte nicht stimmt und dass du daran noch arbeiten musst.
Wenn Sie jetzt ein Zimmerschied-Programm mit denen von Kollegen vergleichen: Wie steht es da um die Lachdichte
?
Zimmerschied: Ja, die ist schon wesentlich schwächer. Das kommt vor allem daher, dass ich neben der fassbaren Pointe auch noch mit anderen Mitteln arbeite und gern visuell erzähle. Darum wäre der Begriff Reaktionsdichte vielleicht bei mir besser, aber die ist mit dem Oszillografen oft nicht messbar. Wenn’s auf einmal ganz ruhig und konzentriert wird, dann ist das ja auch eine Reaktion. Aber die ist in der heutigen Medienlandschaft nicht sehr gefragt. Auf der Bühne kannst du immer noch alles machen, aber in den Medien werden die Räume immer enger.
Wie viel „unbrauchbares“ Material haben Sie in Ihren Schubladen liegen?
Zimmerschied: Das sind zehn bis 15 Skripten in verschiedenen Reifestadien. Dieser Prozess hat sich über die Jahre ritualisiert: eine Idee haben, sich stimulieren lassen, im Sommer frei nehmen, um zu schreiben, im Herbst da hingehen, wo man meint, für die hätte man es gemacht, und dann die Ablehnung. Darum habe ich mir gedacht, diesen Prozess könnte man einfach mal darstellen auf der Bühne. Das ist auch ein kleiner Test: Mich interessiert, wie die Leute darauf reagieren. Wenn’s blöd läuft, stellt sich raus, dass die Redakteure doch recht hatten (lacht).
Was gefällt den Verantwortlichen nicht an Ihren Konzepten?
Zimmerschied: Es geht kurioserweise nicht so sehr um den Inhalt, dass man sagen würde: Das geht zu sehr gegen die Kirche, gegen Politiker, gegen die oder jene Institution. Ich glaube, heute dürfte Maria ein zweites Mal schwanger werden, vorausgesetzt, Günter Grünwald und Monika Gruber spielen das in ihrer Art. Sondern der größte Fehler, den man machen kann, ist der, dass man gegen den Zeitgeist schreibt. Dass man in einer Phase, in der die Wahrnehmung durch eine amerikanische Rasanz der Erzählweise geprägt ist, etwa mit einem langsamen Roadmovie daherkommt. Da bist du einfach von der Form her schon daneben.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Zimmerschied: Ganz aktuell, als ich dieses Format für den BR entwickelt hab, da haben die am Schluss gesagt: „Das geht nicht, das ist zu gescheit. Das hat mehr als eine Ebene, da ist kein Publikum beteiligt.“ Und die Redakteure kennen ja ihr Publikum und wissen minutiös, wann sie umschalten. Ganze Besetzungen von Sendungen richten sich danach: „Aha, bei dem haben sie weggeschaltet, den brauchen wir nicht mehr nehmen.“ Wie sich diese Sendungen zusammensetzen, ist eine fast arithmetische Formel geworden.
Über Qualität wird dabei gar nicht gesprochen?
Zimmerschied: Da hilft auch keine Qualität mehr. Ich hatte für dieses Format schon die Besetzung komplett: Ars Vitalis, Josef Hader, Edgar Selge, das sind ja alles Leute, die für Qualität stehen. Aber das rettet gar nichts.
Sie nennen das „formale Zensur“. Ist der Begriff nicht zu hart?
Zimmerschied: Zensur besteht immer darin, dass etwas verboten wird oder sich etwas verbietet. Man hat sich daran gewohnt, dass man das inhaltlich versteht. Formale Zensur heißt für mich, dass ich bestimmte Muster nicht benutzen darf, dass es einen Verbotskatalog gibt, der die künstlerische Freiheit einschränkt. Das ist ein anderer Zensurbegriff, aber in der Wirkung ist er genauso katastrophal wie der inhaltliche: Die Formenvielfalt wird ausgedünnt.
Zimmerschied: Ich glaube, die denken sich, in den vier Minuten schadet er nicht viel (lacht).
Und wie bekommt’s der Quote?
Zimmerschied: Die fällt schon ab! Am Anfang ganz krass: Da kippt ganz Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen weg, wenn ich komm (lacht). Aber jetzt bleibt’s relativ stabil, scheinbar haben sie sich an mich gewöhnt.
Die Öffentlich-Rechtlichen sind eigentlich der Quote nicht verpflichtet - warum gilt sie ihnen dennoch als Maß aller Dinge?
Zimmerschied: Ich glaube, das hängt mit der Besetzung der Posten zusammen. Es gibt kaum noch Redakteure, die von der künstlerischen Seite kommen und sich im Konfliktfall auch mal auf die Seite des Kreativen schlagen. Die jetzt an den Schalthebeln sitzen, das sind Betriebswirtschaftler, die eine Quote leichter lesen können als einen 18-zeiligen Thomas-Bernhard-Satz. Und man muss sich vorstellen: Der Unterhaltungschef im Bayerischen Fernsehen ist ein Westfale - und es gibt nix Extremeres im Humorverständnis als einen bayerischen und einen westfälischen Witz. Der Mann kann gar nicht begreifen, wo die tieferen Schichten des bayerischen Humors sind, der muss an der Oberfläche bleiben. Und man kann’s ihm nicht einmal vorwerfen. Nur wer kommt auf die Idee, diesen Posten mit so einem Fremdkörper zu besetzen? Aber wahrscheinlich kann er gut rechnen.
„Satiresendungen sehen
aus wie ,Tagesthemen“
Zimmerschied: Das ist kein Zufall: Ich habe im Fernsehspiel wesentlich größere Freiräume entdeckt als in dieser kabarettistischen Unterhaltungsabteilung, die ja allgemein für die flexibelste gehalten wird. Ich habe zum Beispiel Cornelia Ackers kennengelernt, die Redakteurin, die auch Rosenmüller entdeckt und durchgeboxt hat. Die hat es sogar geschafft, dass ich beim „Polizeiruf“ , wo ich jetzt fest in einer Rolle etabliert bin, ein fertiges Buch kriege und mich selber hineinschreiben kann.
Schauen Sie Satire im TV?
Zimmerschied: Ab und zu den Ditsche - der hat mit seiner Theken-Philosophiererei eine Form gefunden. Aber ansonsten wenig, das kenn ich alles schon. Momentan wird die formale Gleichschaltung ja sehr fassbar: Alle Satiresendungen schauen aus wie die „Tagesthemen“: die „Mitternachtsspitzen“, die „Heute Show“ und der „Satiregipfel“. Das heißt: die Form, die jetzt übrig bleibt, ist genau die der gewohnten Fernsehform. Und da beißt sich die Katze wieder in den Schwanz. Das ist schon eine enorme Verarmung.
Raimund Meisenberger

